Abendvorträge
Die Abendvorträge des Kunstgeschichtlichen Seminars und der Kunstsammlung der Universität Göttingen finden regelmäßig in Raum PH12 des Archäologischen Instituts statt. Eine Teilnahme ist auch online via BBB möglich.

Prof. Dr. Tobias Vogt
Mittwoch, 6. Mai 2026, 18:30 Uhr
Aktien zeichnen: Wertpapiere der Kunst
Die Formulierung „Aktien zeichnen“ gewinnt im Zusammenhang mit „Wertpapiere der Kunst“ an Doppeldeutigkeit: Meint sie ursprünglich die ökonomische Praxis des Aktienkaufs, verweist sie nun zusätzlich auf die künstlerische Praxis des Zeichnens.
Vor diesem Hintergrund behandelt der Vortrag die Frage, wie künstlerische Werke die Formen und Funktionen, Medien und Materialien von „Wertpapieren“ annehmen können und untersucht dies über die Authentifizierung, die in beiden Praktiken eine große Rolle spielt. Zu traditionellen Verfahren der Authentifizierung wie Signierung, Datierungen, Betitelung und Stempelung sind mittlerweile komplexere Verfahren wie Zertifizierung und Vertraglichung hinzugetreten, auch in den Bildkünsten.
Zudem geht es um die Gründe für diese künstlerisch gewendeten Authentifizierungen und um die Frage, inwiefern diese in spezifischen historischen Konstellationen als Kommentar, Kritik oder gar Korrektiv der Finanzwelt auftreten. Der Vortrag bringt eine breite Spanne von 300 Jahren zur Sprache wie zur Anschauung, die von der aufklärerischen Druckgrafik von William Hogarth bis zur zeitgenössischen Installation von Irena Haiduk führt und dabei den Weg einer Authentifizierung von Kunst zur Authentifizierung als Kunst zeigt, in der Wertpapiere zu Kunstwerken werden.

Prof. Dr. Christina Strunck
Mittwoch, 10. Juni 2026, 18:30 Uhr
Embodiment im (neo-)barocken Erkenntnisraum:
Funktionen und Wirkmechanismen immersiver Bild-Raum-Ensembles am Beispiel von Falconet und Turrell

Prof. Dr. Cordula Grewe
Mittwoch, 24. Juni 2026, 18:30 Uhr
Der schöne Tod: Märtyrerbilder für den modernen Kunstmarkt
Dieser Vortrag untersucht Kehinde Wileys säkulare Märtyrerbilder—schöne Leichen und verletzliche Körper—im Spannungsfeld von religiöser Kunst, kommerzieller Galerie, digitaler Bildzirkulation und öffentlichem Museum. Wileys Bilder reaktivieren eine christliche Grammatik des Leidens — liegende Körper und entblößte Haut, verwundetes Fleisch und ekstatische Hingabe — lösen diese jedoch aus ihrem ursprünglichen Heilsversprechen. Was bleibt, ist sakrale Form ohne gesicherte Erlösung: ein, wie es Claire Masurel-Murray gefasst hat, „leerer Kelch“, dessen einstige christliche Bildsprache und dichte symbolische Ökonomie nun mit Begehren, Fetischisierung, Warenwert und politischer Sichtbarkeit neu aufgefüllt wird. Ausgangspunkt ist ein scheinbar nebensächliches Objekt: ein Badetuch nach Wileys Sleep. Als Gebrauchsgegenstand macht es drastisch sichtbar, wie Wileys Werke je nach Ort ihren Aggregatzustand verändern. Im Museum bleibt der beinahe nackte Schwarze Körper Bild; in der Galerie wird er Luxusware; im privaten Raum wird er zum Objekt taktiler Verstrickung. Das Handtuch verwandelt Betrachten in Berühren, Bewunderung in Besitz, Andacht in möglichen Übergriff. Von diesem Unbehagen aus liest der Vortrag Wiley zurück auf Alexandre Falguières 1868 gemeißelten Marmor Tarcisius, martyr chrétien und die längere Geschichte des schönen, sterbenden Körpers, dessen Unschuld gerade durch Sichtbarkeit erotisierbar wird.
Mit Derek Conrad Murray begreift der Vortrag Wileys Werk nun nicht als nicht postracial, sondern queer post-Black: als Kritik an heteropatriarchaler Authentizität, am Zwang des racial uplift und an der Forderung nach ausschließlich positiven Bildern Schwarzer und brauner Subjekte. Wiley befreit den schönen Schwarzen Mann aus den Skripten von Opferstatus, Bedrohlichkeit und kompensatorischer Vorbildlichkeit. Doch diese Befreiung bleibt prekär. Seine Bilder sprengen rassifizierende Skripte nur, indem sie ältere Ökonomien von Sakralität, Fetischisierung, sexuellem Rassismus und Warenwert neu aktivieren — und selbst von ihnen profitieren.
Die von Wiley bestrittenen Vorwürfe sexueller Übergriffe und die in Entscheidung prominenter Museen, daraufhin mehrere Ausstellungen abzusagen oder zu verschieben, sollen daher als theoretische Probe den Abschluss des Vortrags bilden. Cancel Culture erscheint hier nicht als moralisches Urteil, sondern als akademische Kategorie: als Krisenmodus, in dem institutionelle Risikoverwaltung, moralische Verletzung, soziale Medien und kunsthistorische Kontextualisierung kollidieren. Der Fall Wiley zwingt somit zu einer weiterreichenden Frage: Welche kuratorischen Formen brauchen Museen, um problematische Kunst nicht zu heiligen, nicht zu verbannen, sondern historisch, ethisch und ästhetisch neu verhandelbar zu machen — von Gauguin bis Breker?
